Handwerkspräsident Ehlert: „Wirtschaftspolitik zur Chefsache machen“
Die konjunkturelle Lage im nordrhein-westfälischen Handwerk bleibt auch zu Beginn des Jahres 2026 angespannt. Seit Herbst 2023 tritt das Geschäftsklima des NRW-Handwerks mit seinen rund 200.000 Betrieben und 1,1 Millionen Beschäftigten auf der Stelle, eine spürbare Dynamik ist weiterhin nicht in Sicht. Rückläufige Umsätze und Auftragseingänge prägen in vielen Gewerken das Bild. „Die wirtschaftliche Entwicklung im Handwerk stagniert. Von Aufbruch kann derzeit keine Rede sein“, erklärte Andreas Ehlert, Präsident von HANDWERK.NRW, anlässlich der Jahrespressekonferenz am 9. Januar in Düsseldorf. „Für das laufende Jahr erwarten wir zwar einen leichten nominalen Umsatzzuwachs, real – also preisbereinigt – dürfte es aber auf eine Stagnation oder sogar ein leichtes Minus hinauslaufen.“ Die Beschäftigung werde demografiebedingt und wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage um etwa 1,5 Prozent zurückgehen.
Ehlert griff zugleich Aussagen des Bundeskanzlers aus dessen Neujahrsansprache auf: „Der Kanzler hat völlig recht, wenn er davon spricht, dass das Fundament unseres Wohlstands erneuert werden muss. Das Problem ist nur: Von den großen Ankündigungen der Bundesregierung ist bisher kaum etwas Handfestes bei den Betrieben angekommen. Beim Bürokratieabbau fehlt die Konsequenz. Weder wurde die Bonpflicht abgeschafft, noch das Sonntagsbackverbot für Bäcker aufgehoben – obwohl beides im Koalitionsvertrag vereinbart war.“ Gleiches gelte für die versprochene Stromsteuersenkung. „Aus der Stromsteuersenkung für alle Betriebe ist am Ende ein Industriestrompreis für wenige Großunternehmen geworden – finanziert von allen Steuerzahlern“, so Ehlert. „Einzelsubventionen und Autogipfel reichen nicht aus – wir brauchen eine grundsätzliche Agenda für Wachstum, die den Mittelstand ins Zentrum stellt“, sagte der Handwerkspräsident. „Ab jetzt muss gelten: Voller Fokus auf die Wirtschaftspolitik. Der Kanzler muss das 2026 zur Chefsache machen.“
Zentral sei zudem eine grundlegende Reform der Sozialsysteme. „Die Lohnnebenkosten drohen unkontrolliert aus dem Ruder zu laufen. Das belastet Handwerksbetriebe ebenso wie ihre Beschäftigten, denen immer weniger Netto vom Brutto bleibt“, warnte Ehlert. Nötig seien ein großer Wurf und der Mut zu unbequemen Entscheidungen – von der Finanzierung versicherungsfremder Leistungen über den Bundeshaushalt bis hin zu einer Anhebung des Renteneintrittsalters mit steigender Lebenserwartung. „Wir haben da einen Kipppunkt erreicht. Wir müssen bei den Sozialabgaben zurück zur 40-Prozent-Grenze – am besten über eine Haltelinie im Grundgesetz.“
Auch auf Landesebene sieht das Handwerk Handlungsbedarf. Das geplante Tarifentgeltsicherungsgesetz schaffe neue Bürokratie, schwäche die Tarifparteien und schrecke Betriebe von öffentlichen Aufträgen ab. Bei der Grundsteuer bestätige das jüngste Urteil des Verwaltungsgerichts Gelsenkirchen die Kritik des Handwerks an gesplitteten Hebesätzen für Wohn- und Gewerbegrundstücke. „Die Landesregierung sollte dieses Urteil zum Anlass nehmen, um die verkorkste Grundsteuerreform noch einmal neu anzugehen – ein einfaches und transparentes Flächenmodell wäre der bessere Weg.“ Klare Ablehnung äußerte Ehlert zudem gegenüber kommunalen Verpackungssteuern: „Sie erzeugen enorme Bürokratie mit überflüssigen Detailregelungen und treffen vor allem mittelständische Unternehmen der Gastronomie und des Lebensmittelhandwerks. Die Landesregierung sollte es Kommunen daher grundsätzlich untersagen, Verpackungssteuern zu erheben.“
Abschließend setzte Ehlert bewusst einen positiven Akzent: „2026 wird für den handwerklichen Mittelstand erneut ein herausforderndes Jahr. Und trotzdem haben wir Zuversicht.“ Die Baukonjunktur zeige erste Anzeichen für eine Trendwende. Die Ausbildungszahlen im nordrheinwestfälischen Handwerk seien stabil, im Baugewerbe gebe es sogar spürbare Zuwächse. Während der Arbeitsmarkt unter Druck stehe und künstliche Intelligenz viele Einstiegsjobs ersetze, biete das Handwerk eine sichere Berufsperspektive. „Keine KI montiert eine Wärmepumpe, kein Algorithmus deckt ein Dach. Handwerk ist auch morgen und übermorgen gefragt.“ Seine Botschaft an junge Menschen sei klar: „Kommt ins Handwerk. Macht eine Ausbildung, macht euren Meister, werdet Unternehmerinnen und Unternehmer. Das Handwerk ist krisensicher und zukunftsfest.“
Quelle:
HANDWERK.NRW – Dachorganisation des Handwerks in Nordrhein-Westfalen
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